Das Radio-Onkologie-Zentrum Mittelland am Kantonsspital Aarau (KSA) hat die tägliche Anpassung der Bestrahlung mittels künstlicher Intelligenz eingeführt – als eine der ersten Kliniken der Schweiz. Krebspatientinnen und -patienten können nun noch präziser und schonender bestrahlt werden.
Nach intensiver Vorbereitung sei der Start reibungslos verlaufen, sagt Prof. Dr. med. Oliver Riesterer, Chefarzt und Leiter des Radio-Onkologie-Zentrums Mittelland. Er schwärmt vom im November in Betrieb genommenen Linearbeschleuniger Ethos: einem tonnenschweren, raumfüllenden Gerät, mit dem Krebspatientinnen und -patienten millimetergenau bestrahlt werden können, und das dank künstlicher Intelligenz (KI) tagesaktuell massgeschneidert. «Es ist eine sehr komplexe Technologie, aber in der Anwendung ist sie erstaunlich einfach.»
Säule der Krebstherapie
Die Strahlentherapie ist eine der Säulen der Krebstherapie: Jeder zweite Krebsbetroffene wird im Laufe der Behandlung mindestens einmal bestrahlt, meist deutlich öfter. Dabei soll der Tumor gezielt geschädigt und zugleich gesundes Gewebe maximal geschont werden. «Bisher wurde am Anfang der Therapie anhand einer Computertomografie in der Regel nur ein Bestrahlungsplan für die Therapie erstellt», erläutert Riesterer. Dabei waren verschiedene Berufsgruppen involviert – ein Prozess, der mehrere Tage dauerte. «Beim Prostatakrebspatienten z. B. wurde dabei mal etwas mehr, mal etwas weniger Darm und Harnblasenboden bestrahlt. Jetzt können wir die Bestrahlung jedes Mal an die aktuellen Begebenheiten anpassen und so umliegende Organe optimal schonen.»
Dazu macht der Ethos zunächst ein CT des Betroffenen. «Mit einer hochauflösenden Bildgebung von einer Qualität, die wir bisher nicht hatten», erläutert Riesterer. Mittels KI kann innert weniger Minuten die Position des Tumors und der Organe sehr präzise berechnet werden, sodass die Bestrahlung für den Tag optimal appliziert werden kann. «So können wir die Organe optimal schonen», sagt der Chefarzt. «Man redet viel über KI. Das ist ein Beispiel, wo ihre Anwendung wirklich zu einer Verbesserung für die Patientin bzw. den Patienten führt.» Im Gegenzug muss der Patient etwas länger (20–30 statt 10 Minuten) ruhig auf dem Bestrahlungstisch liegen. Ein Team bestehend aus Ärztinnen und Ärzten, Medizinphysikerinnen und Medizinphysikern und Radiologie-Fachpersonen kontrolliert am Gerät, was die Technologie macht, und entscheidet über die Freigabe der Behandlung.
Vorerst bei Tumoren im Becken
Fürs Erste ist das Angebot beschränkt auf Patientinnen und Patienten mit Tumoren im Becken, z. B. mit Prostata-, Darm-, Gebärmutterhals- oder Harnblasenkrebs. Der Grund: Im Becken gibt es von Tag zu Tag besonders viele anatomische Veränderungen. Blase und Darm sind mal voller, mal leerer, liegen mal etwas weiter links, mal etwas weiter rechts. Und der Tumor schrumpft unter der Behandlung. «Das ist jeden Tag anders», sagt Riesterer. Und: «Das Gerät kann die Bestrahlung entsprechend anpassen. Das ist für die Patienten von grossem Vorteil.» Profitieren können so vorerst pro Jahr rund 100 bis 150 von insgesamt zirka 1350 Patientinnen und Patienten mit Krebs am KSA.
Schrittweise werden danach weitere Indikationen etabliert, so Riesterer. «Die Technologie ist relativ neu und wir müssen sie auch mit weiterentwickeln.» Allerdings sei diese «Verbesserung der Qualität der Behandlung» auch mit Ressourcen verbunden, gibt der Chefarzt zu bedenken: «Sie erfordert mehr Expertise und intensivere Kontrollen als vorher: Immer ein Team von uns ist am Gerät und kontrolliert, was es macht. Bisher waren es immer zwei Radiologie‑Fachpersonen, die den Patienten bestrahlten. Neu sind immer auch ein Arzt und ein Medizinphysiker dabei, um die Qualität der KI-gesteuerten Behandlung sicherzustellen.» Der Grund: «Eine Fehlbestrahlung können wir uns nicht erlauben. Das, was die KI macht, muss von einem Team aus Arzt, Medizinphysiker und Radiologie-Fachperson überprüft werden.»
Deutlich besser – und etwas teurer
Deshalb ist die neue Behandlungsmethode etwas teurer als die bisherige. Sie sei aber auch klar besser, betont Riesterer. «Das ist auch aufregend für unser Team. Durch die Fortschritte in der Technologie wird die Bestrahlung immer komplexer, spannender. Es braucht immer mehr Wissen darüber.» Man könne heute Dinge tun, die früher undenkbar waren. Heute müsse man sich genau überlegen, was und wie viel man schone. «Es sind neue Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen. Das erfordert mehr Wissen und Expertise. Deshalb haben wir ein ganzes Physikteam, das die Qualität und Genauigkeit des Gerätes täglich überprüft.»
Die Radio-Onkologie sei ein sehr technologiegeprägtes Fach. Und die Krebstherapie werde immer personalisierter, so Riesterer weiter. «Mir ist es sehr wichtig, dass die Individualisierung der Therapie nicht nur bei der Bestrahlung stattfindet, sondern auch bei der Betreuung. Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt. Deshalb haben wir eine Pflegesprechstunde eingeführt, damit die Patientinnen und Patienten nicht zu kurz kommen und ihren Bedürfnissen Rechnung getragen wird.»